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Die Firmengeschichte der Calwer Decken- und Tuchfabriken

 

Calwer Decken- und Tuchfabriken AG

 

Die faszinierende Geschichte der Calwer- Decken und Tuchfabriken

 

Calw und die Wurzeln der Calwer Compagnie

Calw ist eine der traditionsreichsten Städte des berühmten Schwarzwaldes. Die Wurzel der an der Nagold gelegenen Stadt gehen zurück bis auf das Jahr 500 n.Ch. Das Kloster Hirsau in Calw entwickelt sich zum bedeutendsten Reformkloster in Europa und ist das geistige Zentrum dieser Bewegung.

Parallel zur Klosterkultur siedeln sich Flößer, Weber, Färber und Gerber an, die hier ideale Voraussetzungen für die Herstellung von Textilien finden. Calw entwickelt sich in der Folge zum bedeutendsten Umschlagplatz einer wachsenden Textilproduktion, was im Jahre 1650 zur Gründung der "Calwer Zeughandelscompanie" führt. Daraus entwickelt sich das größte Handelsunternehmen Württembergs und ist damit eines der ältesten Textilunternehmen der Welt - die Calwer Companie. 

1877 wird der berühmteste Sohn Calws, Hermann Hesse geboren und verbringt hier seine Kindheit und Jugend. Der leidenschaftliche Literat wird 1946 für sein Lebenswerk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Hermann Hesses Lebensweg und viele Schauplätze seiner Dichtungen sind eng mit dem Unternehmen verknüpft und zeichnen ein lebhaftes Bild jener Zeit. Vielfach handeln seine Erzählungen in den historischen Gebäuden der Calwer Companie und beschreiben die einzigartige Tradition der Tuchmacher. Auch die von ihm oft beschriebene Nikolauskapelle ist nur einen Steinwurf von der Calwer Companie entfernt.

Die Geschichte der Calwer Compagnie

Die Calwer Decken- und Tuchfabriken AG war eine der ältesten Unternehmen der Textilbranche mit einer stolzen, über 350 Jahre gewachsenen Tradition. 

Das schmale Nagoldtal, die vielen Quellen und die Wasserkraft des Flusses waren ideale Bedingungen für eine textile Verarbeitung. Die Nagold lieferte das für das Waschen, Walken und färben der Wolle so wichtige Wasser. Da wo heute die historischen Gebäude der Calwer Companie stehen, stand früher die erste Walkmühle. 

Die handwerkliche Qualität der Calwer "Tucher" wurde schnell Maßstab für erstklassige Ware, die bis zuletzt berühmt war für Ihre dauerhaften Farben und den seidenen Glanz. Die feinen Tuche und eleganten Stoffe eroberten rasch die Märkte in Deutschland, Europa und bald in der ganzen Welt. Nicht von ungefähr zählten die größten Mode-Ateliers und internationalen Königshäuser zur Stammkundschaft der Calwer Companie.

Die Ursprünge und die Anfänge der Textilindustrie im Nagoldtal gehen zurück bis in das 14. Jahrhundert. Schon 1327 arbeitete an den Stätten der späteren Firmengebäude die erste Walkmühle. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert weiten sich die Handelsaktivitäten der Calwer Companie ins europäische Ausland aus. Mit Polen, Italien, Ungarn, Österreich, der Schweiz und Holland wurde bereits zu dieser Zeit Handel betrieben. Zum Ende des 18. Jahrhunderts war die Calwer Companie das größte Industrie- und Handelsunternehmen in Württemberg. Das Firmenzeichen "CC" - stellvertretend für Calwer Companie wurde weithin bekannt.

In dieser Zeit ergaben sich erhebliche Veränderungen in der Eigentümerstruktur. Die ursprüngliche Gesellschaft wurde aufgelöst und zunächst in unabhängigen Geschäftsbereichen von verschiedenen neuen Besitzern übernommen. Am 1.1.1895 kam es dann zu einem Zwangszusammenschluss der Schill & Wagner Company mit der G.F. Wagner, nachdem bereits einige Jahre zuvor die G.F. Wagner, Calw und die Sannwald & Co., Nagold miteinander verschmolzen. Die Familie Sannwald war übrigens bis zuletzt mit über 50% der Hauptaktionär der Gesellschaft und mit wechselnden Familienvertretern in der Geschäftsleitung und-/oder im Aufsichtsrat vertreten. 

Die so neue formierte Kommanditgesellschaft firmierte also ab 1.1.1895 als Vereinigte Deckenfabriken Calw, Zoeppritz, Wagner & Co. KG. Bereits 10 Jahre später - im Jahr 1905 - stand der nächste Wandel an. Die Gesellschaft wurde unter dem Namen "Deckenfabriken Calw" in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Der bis zuletzt gültige Firmenname "Calwer Decken- und Tuchfabriken AG" entstand im Jahr 1959. Aus diesem Jahr stammen auch die ersten auf DM Nennwert lautenden Aktien der Calwer Decken. Bei einer späteren Kapitalerhöhungen im Jahr 1979 wurden noch mal  weitere Urkunden im Nennwert 300 DM ausgegeben, die letzte Kapitalerhöhung gab es dann im Jahr 1984.

Zu den besten Zeiten arbeitete man an drei regional nahe gelegenen Produktionsstätten - in Calw, Nagold und Rohrdorf (bei Nagold) - in den 1990er Jahren kam noch eine Produktions- und Vertriebsgesellschaft in Litauen hinzu.

Die "Rohstoffe" der Tucher: Alpacas, Angora Hase, Cashmere Ziegen, Merino-Schafe, Kamele


Cashmere - das Material der Könige

Cashmere ist eines der edelsten Textilmaterialien der Welt, das wegen seiner Weichheit und seines Glanzes auch" Material der Könige" genannt wird. Dieses Flaumhaar der Cashmere-Ziege, von dem jedes Tier pro Jahr nur max. 100 Gramm liefert, und andere feinste Materialien wie Kamelhaar, Angora- und Lambswool oder Leinen sind die Basis des jahrhundertlangen Erfolges  der Calwer Decken.

Diese edlen Grundstoffe werden in Ihrer natürlichen reinen Form oder in Gemischen mit Naturhaaren oder untereinander auf den Webstühlen, Textilmaschinen und Produktionsanlagen in bis zu 18 Verarbeitungsschritten zu feinsten Decken und Plaids oder Stoffen für die Bekleidungsindustrie verarbeitet. Diese natürlichen Materialien stehen für seidigen Glanz, Weichheit und gesunde Wärme und tragen entscheidend zum erstklassigen Image der Qualitätsbetriebe in der Textilindustrie bei.

Die Rohstoffe selbst stammen direkt aus den Ursprungsländern: Kamelhaare und Cashmere aus Tibet und der Mongolei, Llama und Alpaca-Flies aus den Hochebenen der Anden, Peru, Bolivien und Chile. Aus Südafrika und Australien stammt die hochwertige Merinowolle, aus der Türkei und Texas das extrem weiches Mohair und aus Ostasien das Angora.

 

...das schleichende Ende

Deutschland, besonders Süddeutschland und speziell Württemberg war von 17. bis ins 20. Jahrhundert ein Paradies der Textilindustrie. In manchen Gegenden wie auf der schwäbischen Alb gab es zur den "Hoch"zeiten in unzähligen Ortschaften irgend eine Art der textilen Produktion. Die Calwer Decken gingen den selben leidvollen Weg wie viele andere Unternehmen in der Textilindustrie.

Nach einer letzten angedeuteten Hochkonjunktur im Textilsektor in Deutschland zu Anfang der 1990er Jahre, vielleicht durch die Wiedervereinigung Deutschlands und einen dadurch kurzzeitig verstärkten Konsum mitbegründet, waren die Auswirkungen der weltweiten Globalisierung nicht mehr zu stoppen. Was früher ein großer Vorteil war - Komplettverarbeitung von der rohen Grundfaser bis zur Vermarktung des gebrauchsfertigen Endproduktes - ist nun ein großer Nachteil und der Grund für nicht mehr gegebene Konkurrenzfähigkeit auf Grund zu hoher Gesamtkosten.

Der neue Ablauf bei der weltweit angewachsenen Konkurrenz war z.B.  Kauf in Neuseeland, Rohverarbeitung in Thailand, Produktion in Hongkong oder China, Verkauf weltweit. Die Orte sind nur ein Beispiel und könnten beliebig ausgetauscht werden. Der Effekt bleibt immer der selbe - die Produkteinstandskosten sind auf "die neue Art" oft um 30% günstiger. Vor allem der lohnintensive Anteil der Produkte ist in Deutschland zu teuer. Die Bemühungen sich dieser Entwicklung anzupassen und zu stellen erfolgten zwar in den 90-er Jahren - aber vielleicht einfach zu spät. Die Restrukturierungsmaßnahmen führten nicht schnell genug und nicht in ausreichendem Maß zu den gewünschten Effekten.

Seit Mitte 1996 steigt der Umsatz mit den ansonsten sehr wenig gehandelten Aktien der Calwer Decken an der Stuttgarter Börse. Hoffen und Bangen der Aktionäre halten sich zunächst noch die Waage, bis im Herbst 1997 nur einige wenige Verkäufe, denen keine Nachfrage entgegen steht den Kurs zum kippen bringen. 871 (knapp 4% des AK) zwischen dem 3.9.1997 und 24.10.1997 verkaufte Aktien lassen den Kurs von rund 450.- auf 200,- DM absacken. Die Marktkapitalisierung sinkt damit erstmals unter das Grundkapital. In vielen Fällen ein untrügliches Warnsignal und ein Zeichen für das bevorstehende Ende.

Einem Lebensmittel-Discounter (Lidl & Schwarz) ist es möglicherweise zu verdanken, dass die Calwer Decken zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch existieren. Dieser hatte nämlich zwischenzeitlich rund 11 000 qm des Firmengeländes gekauft. Die Bankschulden der Calwer Decken betrugen aber bereits zum Jahresende 1996 rund 69 Millionen DM, so dass der Verkaufserlös für das Firmengelände sicher nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein konnte.

Im Spätherbst des Jahres 1997 wird das Insolvenzverfahren eröffnet. Die Inhaber-Stammaktien der Calwer Decken- und Tuchfabriken wurden mit Ablauf des 20.2.1998 zum letzten Mal an der Börse Stuttgart gehandelt. Eines der ältesten und traditionsreichsten Unternehmen in Deutschland verschwindet vom Börsenkurszettel und als Unternehmen gänzlich von der wirtschaftlichen Bildfläche. Viele Male bin ich seitdem an den großteils leer stehenden alten Betriebsgebäuden in Nagold oder Rohrdorf vorbeigekommen und noch immer ist ein wenig Wehmut ob dieser vergangenen langen Tradition zu spüren. 

Die Metzinger Firma Gaenslen & Völter  (Schwäbische Alb) hat alle wesentlichen Teile des operativen Geschäftes der Calwer Decken übernommen. Nach der Tuchherstellung haben Gaenslen & Völter im Sommer 1998 von der Konkurs gegangenen Deckenfabrik auch den Textilveredelungsbetrieb gekauft. Die Textilveredelung mit rund 60 Mitarbeitern soll am Standort Calw in das Metzinger Unternehmen eingegliedert werden. Damit sind alle produktiven Teile der Calwer Decken von Gänslen & Völter übernommen worden. Der übernommene Betrieb für Färberei und Textilausrüstung soll unter dem Namen "Calwer Textilveredelungsbetrieb" den Fortbestand der Calwer Tuchherstellung sichern.
 

Inhalt und Seitengestaltung © Joachim Hahn
Informationen u.a. von:
Calwer Decken- und Tuchfabriken, Stadt Calw
Nebenwerte Journal, Radio BB